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Neue Zahlen zum Play-Support – oder: Kann Offensivspiel destruktiv sein?

Wer zur Reduzierung der Unwahrscheinlichkeit eines gelingenden Fußballspiels beiträgt, erarbeitet sich Verdienst. Wünschenswert ist, dass am Spielende dasjenige Team gewinnt, das sich einen größeren Verdienst erarbeitet. Wir hätten dann einen „verdienten Sieger“. Ein vorgeschlagener Indikator zur Messung des Verdienstes einer Mannschaft ist der Play-Support (siehe Blogeintrag „Was ist ein verdienter Sieg?“). Zahlen zum Play-Support-Verhältnis von Spielpaarungen lagen aber bisher lediglich für das Champions-League-Finale der Saison 2011/12 vor. In der Zwischenzeit sind jedoch einige weitere Spiele der letzten Zeit mit gewisser Bedeutung hinzugekommen.

Zur Erinnerung: Der Play-Support einer Mannschaft ist die Anzahl der Spielsequenzen, die die Mannschaft beginnt, außer sie führt einen Anstoß aus. Äquivalent dazu ist: Der Play-Support ist die Anzahl der Spielunterbrechungen, die die gegnerische Mannschaft verursacht – mit Ausnahme eines Torerfolgs. In der folgenden Tabelle sind die analysierten Spielpaarungen und ihr Play-Support-Verhältnis zusammengefasst. Das relative Play-Support-Verhältnis ist besser geeignet, um die Zahlenverhältnisse für unterschiedliche Spiele zu vergleichen.

Was kann man aus den neuen Zahlen lernen?

Vergleicht man zunächst die Zahlenverhältnisse mit den optischen Spieleindrücken, so scheint sich zu bestätigen, dass der Play-Support ein recht robustes Maß dafür ist, welches das „bessere“ oder „verdientere“ Team in einem Match ist. Aus statistischer Sicht sprechen dafür auch die hohen absoluten Zahlen (durchschnittlich 99 Spielsequenzen pro Spiel). Damit sind die Zahlenverhältnisse weniger anfällig gegenüber zufälligen Ereignissen, beispielsweise bei der Entstehung von Eckbällen oder Einwürfen, sowie gegenüber Fehlentscheidungen der Schiedsrichter.

Das Play-Support-Verhältnis kann herangezogen werden, um konstruktives von destruktivem Spiel zu unterscheiden. Die ausschließliche Erhebung für die gesamte Spielzeit nivelliert jedoch Unterschiede, die sich dadurch ergeben, dass Mannschaften in einem Spiel destruktive und konstruktive Phasen durchlaufen. Besonders deutlich wird das am vorentscheidenden Spiel der englischen Premier League 2011/12 zwischen Manchester City und Manchester United. Zur Einordnung: City gewann das Spiel 1:0; das Tor viel in der 45. Minute, kurz vor der Halbzeitpause. Solange es 0:0 stand, war United bei dann noch zwei ausstehenden Spielen mit 3 Punkten aber schlechterer Tordifferenz im Vorteil. In dieser Phase des Matches spielte United defensiv und dabei tatsächlich ziemlich destruktiv, mit dem Ziel den Spielstand möglichst lange zu halten. (Immerhin ging das Hinspiel mit 1:6 an City verloren.) Das relative Play-Support-Verhältnis von 58%:42% für City in der ersten Hälfte belegt das auch zahlenmäßig. Nach der Pause und der 1:0-Führung war City eindeutig nicht mehr am Zustandekommen eines Spiels interessiert. Die zahlreichen Foulspiele und das häufige Ballwegschlagen ins Seitenaus finden ihren Niederschlag im dramatisch umgekehrten Play-Support-Verhältnis von 38%:62% für die zweite Halbzeit. Das relative Gesamtverhältnis von 47%:53% für beide Halbzeiten verdeckt etwas, dass der Sieg für beide Teams unverdient wäre bzw. ist. 117 Spielunterbrechungen (ohne Torerfolg) in 90 Minuten muss man erst einmal überbieten!

Geeignet ist das Play-Support-Verhältnis vor allem für die Beurteilung von knappen Spielen, also von Spielen, bei denen ein weiteres Tor eine Änderung der Spielwertung nach Sieg/Unentschieden/Niederlage bewirken kann. Wer würde zum Beispiel Borussia Dortmund für den 5:2-Sieg über Bayern München im DFB-Pokal-Finale nach einer 3:1-Pausenführung den „verdienten Sieg“ absprechen – trotz offensichtlicher Destruktivität in der zweiten Hälfte?

Was fällt sonst noch auf?

Dies: Der FC Barcelona verdient es eigentlich immer zu gewinnen. Das liegt nicht unbedingt nur an der offensiven (proaktiven) Spielweise, sondern vor allem an der regelmäßig exzellenten Ausführung. Einen punktuell guten Kontrast dazu bildet das Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Portugal bei der EM-Endrunde 2012. Trotz offensiver Ausrichtung der deutschen Mannschaft legt das Play-Support-Verhältnis (gleichmäßig 42%:58% über die gesamte Spieldauer) nahe, dass die eher defensiven (reaktiven) Portugiesen die konstruktivere Mannschaft waren. Die häufigen, von deutscher Seite herbeigeführten Spielunterbrechungen basieren sicher nicht auf destruktivem Willen; vielmehr scheinen die Gründe in einem situativen Unvermögen gelegen zu haben.

Auch ein offensiv errungener Sieg muss nicht unbedingt verdient sein.

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