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Was ist ein verdienter Sieg?

Um die Unerklärlichkeit eines falschen Spielergebnisses zu überbrücken, wird gerne moralisch geurteilt: „Diese Niederlage war total unverdient!“ Ein derartiges Urteil ist natürlich selbst erklärungsbedürftig, da das Ergebnis ja etwas anderes behauptet. Häufig folgen dann ästhetische Argumente der Form „Wir haben viel besser/schöner/attraktiver/offensiver gespielt.“ Aber Geschmack erklärt keinen Verdienst.

Statistische Argumente helfen schon eher. Man kann anführen, welche Mannschaft mehr Torschüsse, Ecken, Ballbesitz hatte, wie die durchschnittlichen Laufleistungen und Aufenthaltshäufigkeiten der Mannschaften waren. Da aber gerade Einzelstatistiken das gleiche Problem wie das Spielergebnis aufweisen, muss man gleichzeitig mit allen Statistiken arbeiten. Verdient ist dann ein Sieg für Mannschaft X, wenn X dominant, also besser in allen (relevanten) Einzelstatistiken war. Damit wird wieder eine offensive Spielstrategie gegenüber einer ebenso legitimen defensiven Spielstrategie höher bewertet, da Dominanz typischerweise mit erfolgreichen Umsetzungen von Offensivstrategien korreliert. In der Gleichsetzung von Verdienst und Dominanz ist ein ästhetischer Bias, eine Verzerrung enthalten.

Um diesen Bias zu eliminieren, können wir versuchen, Verdienst als den Grad zu interpretieren, zu dem sich eine Mannschaft „um das Spiel verdient macht“ oder „etwas für das Spiel tut“. Legen wir zugrunde, dass gelingender Fußball unwahrscheinlich ist, so tut eine Mannschaft etwas für das Spiel, wenn sie hilft die Unwahrscheinlichkeit eines gelingenden Spiels zu reduzieren. Oder negativ ausgedrückt: Sorgt eine Mannschaft für eine nicht zielkonforme Spielunterbrechung, also verschuldet sie eine Abseitsstellung, ein Foulspiel, ein Handspiel oder einen Eckball, einen Einwurf, einen Abstoß für den Gegner, so hat sie zur Erhöhung der Unwahrscheinlicheit beigetragen und nicht zu deren Reduzierung. Da im Anschluss an eine der angeführten Unterbrechungen die gegnerische Mannschaft in Ballbesitz gelangt, können wir den Malus für die eine Mannschaft als Bonus für die andere Mannschaft interpretieren und Verdienst positiv durch den Play-Support (Spielbeförderung) operationalisieren:

Der Play-Support einer Mannschaft X ist die Anzahl der Aktionsfolgen (Spielsequenzen), die mit Mannschaft X beginnen, wobei X keinen Anstoß ausführt.

Der Play-Support ist ein statistisches Aggregat, das technisch leicht zu ermitteln ist und gekonntes, sauberes und konstruktives Fußballspiel belohnt. Auch defensives Spiel kann konstruktiv sein, wenn es darauf ausgerichtet ist, den Ball im Spiel zu halten. Fällt das Play-Support-Verhältnis deutlich zu Gunsten einer Mannschaft aus, so können wir von einem „verdienten Sieg“ sprechen, falls diese Mannschaft auch gewinnt.

Nehmen wir als Beispiel das diesjährige Champions-League-Finale zwischen Bayern und Chelsea. Nach allgemeiner und statistischer Einschätzung war Bayern zwingend dominant über die gesamte Spielzeit, verlor aber dennoch das Elfmeterschießen*:

  • Eckenverhältnis: 20:1 (1. Halbzeit: 8:0; 2. Halbzeit: 9:1; Verlängerung: 3:0)
  • Torschussverhältnis: 7:3 (1. Halbzeit: 2:1; 2. Halbzeit: 4:2; Verlängerung: 1:0)
  • Ballbesitz (in Prozent): 59:41 (1. Halbzeit:  61:39; 2. Halbzeit: 52:48; Verlängerung: 56:44)
  • Laufleistung (in km): 146,6:144,7 (1. Halbzeit: 55,9:55,6; 2. Halbzeit: 56,3:55,5; Verlängerung: 34,3:33,6)

War Chelsea nun ein „total unverdienter Sieger“? Ich habe einmal den Play-Support für beide Mannschaften ermittelt:

  • Play-Support-Verhältnis (absolut): 74:60 (1. Halbzeit: 30:22; 2. Halbzeit: 24:27; Verlängerung: 20:11)
  • Play-Support-Verhältnis (relativ, in Prozent): 55:45 (1. Halbzeit: 58:42; 2. Halbzeit: 47:53; Verlängerung: 65:35)

Auffallend ist, dass Chelsea in der Verlängerung deutlich destruktiver als Bayern agiert hat. Hier war das Ziel ganz offensichtlich ins Elfmeterschießen zu gelangen. Wenn es eine Phase des Spiels gab, für die man Chelsea den Verdienst absprechen kann, dann in der Verlängerung. Über die reguläre Spielzeit gesehen (Play-Support-Verhältnis 54:49 absolut bzw. 52%:48% relativ), lässt sich die Sprechweise vom „total unverdienten Sieg“ Chelseas nicht aufrecht erhalten.

Glücklich darf man den Sieg von Chelsea aber nennen!

{ 1 } Trackback

  1. […] Sieger”. Zur Messung des Verdienstes einer Mannschaft habe ich im letzten Blogeintrag (“Was ist ein verdienter Sieg?”) den Play-Support vorgeschlagen. Zahlen zum Play-Support-Verhältnis von Spielpaarungen lagen aber […]

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