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Gelingender Fußball ist unwahrscheinlich

Natürlich gibt es gute Gründe Fußball abzulehnen. Es gibt vulgäre Fans, Hooliganismus, überbezahlte Profis und die öffentliche Subventionierung des Profi-Fußballs überhaupt. Es gibt die überzogene TV-Berichterstattung, Fußballsprech, Distinktionsgewinne.

Aber natürlich gibt es bessere Gründe Fußball zu lieben. Da reden wir von Fair Play, Waden, Oberschenkeln, der Mourinho/FC Barcelona-Differenz, Guy Roux, englischen Stadien, von Arsenal ohne Engländer, Cottbus ohne Deutsche und Özil für Deutschland, von Cruijff, Maradona, Messi und Tacklings auf nassem Rasen.

In Streitgesprächen mit Fußballskeptikern prallt die ablehnende Wucht gesellschaftlicher Bedeutungen auf fein ausgearbeitete, subjektive Kennerurteile. Die Kontroverse folgt einem gängigen Muster. Alles, was über den Geschmack hinausgeht, gilt so oder so ähnlich für jeden anderen Sport. Alles, was dem Fußball vorgehalten wird, gilt so oder so ähnlich für keinen anderen Sport. Wenn es gut läuft, endet der Konflikt mit einer Lächerlichkeit: Fußball kann man mögen, man muss es aber nicht. Aber wieso sollte man sich darüber auch noch Gedanken machen wollen?

Eine Aktivität muss schwierig sein, damit sie als Sport betrieben werden kann. So schwierig, dass ein Scheitern für Aktive jederzeit möglich und für Ungeübte zwingend ist. Zu den Komplikationen des Fußballspiels zählen der runde Ball, der Verzicht auf die Benutzung der Hand, der Gegner, die Mitspieler, die Begrenztheit des Spielfeldes, die Größe des Tores. Die ausschließliche Benutzung des Fußes mit seiner im Vergleich zur Hand beachtlichen Streuung macht die kontrollierte Ballbewegung allein schon zum Problem. Oder wieso scheitern Profis, Amateure und Laien immer wieder an einer Torwand? Um wie viel schwieriger ist dann erst die Herstellung einer sinnvollen Aktionsfolge durch ein Team. Jeder Fußballer kennt das Glücksgefühl, wenn in voller Bewegung und unter starkem gegnerischen Druck ein Doppelpass, ein doppelter Doppelpass oder ein Spielzug über drei Anspielstationen funktioniert. Dass dies gelingt, ist unwahrscheinlich. Gelingt dies regelmäßig und meisterlich, so ist es auch beim Zuschauen interessant. Nicht nur im Camp Nou.

Um es festzuhalten: Durch den Ausschluss der Hand ist Fußball unter den Torspielarten vergleichbarer Struktur und Einfachheit das am wenigsten kausale und leistungsdiagnostisch faktorisierbare Spiel.

Gelingender Fußball ist unwahrscheinlich – aber nicht zu unwahrscheinlich. Fußball ist kein Glücksspiel. Man kann ihn trainieren und die Unwahrscheinlichkeit seines Gelingens reduzieren. Ganz offensichtlich gibt es nicht zu viele Komplikationen des Fußballspiels. Aber wie schmal der Grat ist, spürt jeder, wenn anhaltende Überhärte oder zu kleinliche Regelauslegungen durch Schiedsrichter „kein Spiel zustande kommen lassen“. Dies endet stets mit Enttäuschungen für Spieler und Zuschauer. Ein Spiel kann jederzeit ins Unbeherrschbare, Zufällige, ins Chaos kippen. Wenn der Eindruck aber nicht täuscht, bringen Fußballspiele in der Regel dennoch die längsten zusammenhängenden Spielsequenzen hervor. Das macht Fußball so wertvoll und so interessant.

Es ist das Spiel am Phasenübergang. In Anlehnung an Stuart A. Kauffmans systemtheoretischer Beschreibung der biologischen Evolution als „life at the edge of chaos“ kann man beim Fußballspiel vom „game at the edge of chaos“ sprechen. Dem Game. Als ob wir es nicht schon immer gewusst hätten: Der Fußball ist das Leben.

Darüber kann man schon einmal nachdenken.

Ich habe dazu ein kleines Experiment durchgeführt. Not quick but dirty. Mit geringer Stichprobengröße. Das Setting besteht aus Videoanalysen von jeweils einem Top-Ereignis des letzten Jahres für jede aktuelle olympische Torspielart (inklusive Rugby). Unter den frei verfügbaren Videostreams ermöglicht die folgende Auswahl von Spielpaarungen einen guten Einblick in den Weltentwicklungsstand der jeweiligen Sportart (bei den Herren):

Für alle Spiele kann man zu jedem Zeitpunkt versuchen zu erheben, welches Team gerade durch einen Spieler in Ballbesitz ist. In bestimmten Spielsituationen gelingt dies nicht ohne Weiteres, da im Kampf um den Ball oder mit dem Ball eine eindeutige Zuschreibung der Ballkontrolle nicht möglich ist. Dies wird als Ballbesitz für niemand interpretiert. Ein Dribbling oder Solo wird mit einmaligem Ballbesitz für ein Team berechnet. Eine Aktionsfolge beschreibt eine zusammenhängende, unterbrechungsfreie Spielsituation, wobei nacheinander die jeweils in Ballbesitz befindliche Mannschaft notiert wird.

Alle in einem Spiel auftretenden Aktionsfolgen kann man nach bestimmten Parametern statistisch mitteln. Die wichtigsten sind in folgenden Abbildungen zusammengefasst. Je weiter rechts eine Sportart steht, desto höher ist der gemessene Parameterwert für das ausgewählte Spiel.

Lassen wir Eishockey zunächst einmal außen vor. Dann ist ersichtlich, dass Fußball tatsächlich die längsten Aktionsfolgen produziert, sowohl zeitlich gesehen als auch die Anzahl der Ballbesitze und Spielrichtungswechsel betreffend. Selbstverständlich sehen wir darin eine empirische Evidenz.

Natürlich könnte man aber auch einwenden, dass die Ergebnisse eher der auf Ballkontrolle ausgerichteten Spielweise des FC Barcelona als dem Fußball generell zuzuschreiben sind. Das kann man so sehen, bei dieser Stichprobengröße und -auswahl. Für den Leistungsstand des Fußballs ist das letzte Champions-League-Finale aber repräsentativ, weil mit Barcelona und Manchester United der fußballerische State-of-the-Art für die Konzeptpole „Ballzirkulation“ und „Konterspiel“ vertreten ist. Während Ballzirkulation die Anzahl der Ballbesitze in die Höhe treibt, zielt ein schnelles Umschaltspiel darauf ab, mit möglichst wenigen Ballbesitzen vor das gegnerische Tor zu kommen. Die Gegenläufigkeit der Bestrebungen lässt die gemittelten Werte belastbar erscheinen. Und wollen nicht alle wie Barcelona oder Manchester United spielen?

Was ist nun mit Eishockey? Nun ja, die Bande… Eishockey gehört in eine andere Spielkategorie. Denn die langen Zeitspannen der Aktionsfolgen rühren ausschließlich daher, dass die Bande den Puck künstlich im Spiel hält. Die Bande hebt die Begrenztheit des Spielfeldes auf, da der Puck dieses nicht oder nur in Extremfällen verlassen kann. Eishockey ist in diesem Punkt strukturell verschieden zu den anderen Torspielarten, die alle überschreitbare Spielfeldbegrenzungen aufweisen. Ohne Bande wäre Eishockey wettkampfmäßig gänzlich unspielbar. Wieso sonst hätte sich die Bande auf Dauer durchgesetzt?

Man kann auch versuchen, die Kausalitäten in den Sportarten zu messen. Aus der Signalverarbeitung bietet sich da das Signal-Rausch-Verhältnis (SNR) an, also Mittelwert geteilt durch Standardabweichung. Je höher die SNR, desto gleichförmiger sind die Spielabläufe:

Den Spielrichtungswechseln kann eine gesteigerte Aussagekraft für die Determiniertheit des Spiels unterstellt werden, da sie Auskunft über das Scheitern von Angriffsbemühungen geben. Meine Reihenfolge der Sportarten hinsichtlich absteigender Kausalität ist deshalb wie folgt: Wasserball, Handball, Basketball, Feldhockey, Rugby, Fußball. Und Eishockey.

Wie gesagt, die Stichprobe ist klein. Wirklich signifikante Rückschlüsse sind damit (noch) nicht möglich. Aber interessant ist es schon.

Und darüber nachzudenken lohnt sich allemal.

{ 2 } Comments

  1. Arne Meier | 9. August 2011 um 10:49 | Permalink

    Gibt es bei irgendeiner der Sportarten eine Begrenzung der Zeitspanne pro Aktionsfolge nach Regelwerk? Also beispielsweise, dass ein Spieler nur eine bestimmte Zeit am Ball sein darf? Außerdem finde ich interessant, dass von allen Spielen bis auf Handball Finalspiele analysiert wurden.

  2. Fußballsynoptiker | 9. August 2011 um 12:29 | Permalink

    Da eine Aktionsfolge nicht nur den Ballbesitz einer Mannschaft betrifft, sondern auch den Ballbesitzwechsel (Spielrichtungswechsel) einbezieht, kann sie im Prinzip beliebig lang werden. Klarerweise nur solange sie in eine komplette Spielperiode (Halbzeit, Drittel, Viertel) passt. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Die längste Spielzeit, die ich gemessen habe, war 4:48 Minuten im Eishockey bei 20 Minuten Drittellänge.

    Es gibt natürlich Regeln, die die Angriffszeiten für eine Mannschaft beschränken (Wasserball 30 Sekunden, Basketball 24 Sekunden) oder passives Spiel einer Mannschaft bestrafen (Handball). Dies hat Konsequenzen auf die beobachtbaren Längen der Aktionsfolgen. Es ist aber kein Zufall, dass diese Beschränkungen gerade die kausalen und ausschließlich mit der Hand gespielten Sportarten betreffen. Trotz dieser Zeitbeschränkungen finden Spielrichtungswechsel eher selten statt, mit Abstufungen. Die Spiele sind relativ schematisch. (Das fällt besonders beim Wasserball etwas negativ auf.) Es ist ganz offensichtlich ziemlich klar, wie ein erfolgreiches Spiel aussehen muss. Ohne die Zeitbeschränkungen wäre es zu leicht, lange in Ballbesitz zu bleiben. Es wären „gefrorene“ Spiele. Nicht mal mehr richtiger Sport. Das „Aussterben“ des Feldhandballs als Wettkampfsport, der passives Spiel nicht kennt, ist dafür ein gutes Beispiel.

    Deshalb ist es gerechtfertig, die Zeitbeschränkungen als integralen Bestandteil des jeweiligen Spiels zu betrachten.

    Methodisch würde ich eine Position einnehmen, die man vielleicht (hochtrabend) als „evolutionären Positivismus“ beschreiben könnte. Eine Sportart wird durch die Gesamtheit ihrer Regeln bestimmt, und diese Regeln sind zu einem bestimmten Zeitpunkt so, weil die Sportart bis zu diesem Zeitpunkt so überleben konnte. Dies gilt auch für den Fußball und die Abseitsregel, die auch erst später hinzukam und Aktionsfolgen unterbrechen kann. Es ist daher plausibel, eine Sportart so zu nehmen, wie sie gerade ist.

    (Gerne hätte ich das WM-Finale im Handball analysiert. Ich konnte aber keine vollständige Spielaufzeichnung finden. Das aus meiner Sicht beste, verfügbare Spiel war angesichts der Erfolge der Handball-Clubs das Spiel Deutschland-Spanien, wo es auch noch um etwas ging.)

{ 1 } Trackback

  1. […] Spiel verdient macht” oder “etwas für das Spiel tut”. Legen wir zugrunde, dass gelingender Fußball unwahrscheinlich ist, so tut eine Mannschaft etwas für das Spiel, wenn sie hilft die Unwahrscheinlichkeit eines […]

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