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Voodoo-Fußball

Die interessanteste These des Buches „The Numbers Game. Why Everything You Know About Soccer Is Wrong” von Chris Anderson und David Sally ist die These vom erreichten Gleichgewicht des Top-Level-Fußballs. Die Gleichgewichtsthese basiert auf der Beobachtung, dass der Tordurchschnitt im englischen Spitzenfußball über die letzten beiden Jahrzehnte relativ stabil bei ca. 2,6 Toren pro Spiel lag. Seit Einführung der First Division im Jahre 1888 fiel er von anfangs 4,0 bis 4,5 Tore pro Spiel sukzessive auf das heutige Niveau ab. Auch Strukturbrüche wie die Einführung der Abseitsregel, Weltkriege oder die Umstellung auf die Drei-Punkte-Regel hatten offenbar keinen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung. Anderson und Sally sehen diesen Trend bis 2012 fortgeschrieben und auf die anderen Ton angebenden Ligen in Deutschland, Italien und Spanien ausgedehnt. Große Unterschiede scheinen beim Tordurchschnitt nicht mehr feststellbar. Ceteris paribus werden auf absehbare Zeit durchschnittlich 2,5 bis 3,0 Tore pro Spiel in einer Saison fallen.

Wie kann das sein?

Neue Zahlen zum Play-Support – oder: Kann Offensivspiel destruktiv sein?

Wer zur Reduzierung der Unwahrscheinlichkeit eines gelingenden Fußballspiels beiträgt, erarbeitet sich Verdienst. Wünschenswert ist, dass am Spielende dasjenige Team gewinnt, das sich einen größeren Verdienst erarbeitet. Wir hätten dann einen „verdienten Sieger“. Ein vorgeschlagener Indikator zur Messung des Verdienstes einer Mannschaft ist der Play-Support (siehe Blogeintrag „Was ist ein verdienter Sieg?“). Zahlen zum Play-Support-Verhältnis von Spielpaarungen lagen aber bisher lediglich für das Champions-League-Finale der Saison 2011/12 vor. In der Zwischenzeit sind jedoch einige weitere Spiele der letzten Zeit mit gewisser Bedeutung hinzugekommen.

Was ist ein verdienter Sieg?

Um die Unerklärlichkeit eines falschen Spielergebnisses zu überbrücken, wird gerne moralisch geurteilt: „Diese Niederlage war total unverdient!“ Ein derartiges Urteil ist natürlich selbst erklärungsbedürftig, da das Ergebnis ja etwas anderes behauptet. Häufig folgen dann ästhetische Argumente der Form „Wir haben viel besser/schöner/attraktiver/offensiver gespielt.“ Aber Geschmack erklärt keinen Verdienst.

Gelingender Fußball ist unwahrscheinlich

Natürlich gibt es gute Gründe Fußball abzulehnen. Es gibt vulgäre Fans, Hooliganismus, überbezahlte Profis und die öffentliche Subventionierung des Profi-Fußballs überhaupt. Es gibt die überzogene TV-Berichterstattung, Fußballsprech, Distinktionsgewinne.

Aber natürlich gibt es bessere Gründe Fußball zu lieben. Da reden wir von Fair Play, Waden, Oberschenkeln, der Mourinho/FC Barcelona-Differenz, Guy Roux, englischen Stadien, von Arsenal ohne Engländer, Cottbus ohne Deutsche und Özil für Deutschland, von Cruijff, Maradona, Messi und Tacklings auf nassem Rasen.

In Streitgesprächen mit Fußballskeptikern prallt die ablehnende Wucht gesellschaftlicher Bedeutungen auf fein ausgearbeitete, subjektive Kennerurteile. Die Kontroverse folgt einem gängigen Muster. Alles, was über den Geschmack hinausgeht, gilt so oder so ähnlich für jeden anderen Sport. Alles, was dem Fußball vorgehalten wird, gilt so oder so ähnlich für keinen anderen Sport. Wenn es gut läuft, endet der Konflikt mit einer Lächerlichkeit: Fußball kann man mögen, man muss es aber nicht. Aber wieso sollte man sich darüber auch noch Gedanken machen wollen?